Barrierefreiheit | 15. Juni 2026 | Lesezeit: 5 Minuten

Barrierefreiheit macht das Web für alle besser

Endlich Fyrabe. Du lehnst dich im Zug zurück, öffnest die Social Media App deines Vertrauens und klickst aufs erste Video. Ach blöd, Kopfhörer im Büro vergessen. Aber zum Glück ist das Video mit Untertiteln, du verstehst also auch lautlos, worum’s geht. Was wir Barrierefreiheit im Web nennen, rettet dir gerade den Heimweg. Und das ist nur eins der vielen Beispiele, bei denen Barrierefreiheit allen dient.

Key Takeaways

  • Barrierefreiheit ist bei digitalem Content heute Best Practice.
  • Barrierefreie Massnahmen im Web machen allen Menschen das Leben leichter. 
  • Und fürs Unternehmen? Zahlt sich Barrierefreiheit im Web ebenfalls aus: mehr Reichweite, besserer Ruf und ein Vorsprung, wenn die verbindliche Schweizer Regulierung kommt.

Barrierefreiheit im Web für den Alltag

Bleiben wir noch kurz in unserem Fyrabe-Zug. Schau mal nach links. Siehst du die Mutter, die ein schlafendes Baby auf dem Arm hält? Sie wischt mit der freien Hand auf ihrem Smartphone. Keinesfalls möchte sie ihr Baby aufwecken. Auch ihr helfen barrierefreie Inhalte, die genug gross gestaltet sind. So kann sie alle Elemente problemlos mit einer Hand bedienen. 

Dann, im Tunnel wird’s plötzlich dunkel. Und auch das Netz ist weg. Die mit Bildern und Videos überfüllte Website gibt auf, die Ladeanimation beisst sich in den Schwanz. Die schlanke Website mit Frontloading hingegen lädt auch in den Sekunden mit wenig Empfang alle wichtigen Inhalte.

Die meisten Menschen denken bei Barrierefreiheit sofort an Rollstuhl, Blindenstab und Hörgerät. Doch Barrierefreiheit kann und ist so viel mehr. 

 

 

Der Curb-Cut-Effekt

Vielleicht hast du schon davon gehört. Falls nicht, wir machen’s kurz: In den USA der 1970er-Jahre wurden zum ersten Mal Trottoirränder abgesenkt (mehr zu diesen Curb Cuts). Gedacht waren diese Absenkungen für Rollstuhlfahrende, die bis dahin an jeder Kante kapitulieren mussten. Und heute? Heute rollen über die abgesenkten Ränder jegliche Arten von Rädern. Kinderwagen, Rollkoffer, Velos und ja, auch E-Scooter profitieren davon. 

Curb-Cut-Effekt: abgesenkter Trottoirrand als Sinnbild für Barrierefreiheit im Web
© Sketchplanations

Diese bauliche Massnahme war ursprünglich nur für Personen im Rollstuhl gedacht. Heute ist sie eine Selbstverständlichkeit und Erleichterung für alle. 

Genauso gilt das für die Barrierefreiheit im Web: Wer für den schwierigsten Fall baut, baut für alle. Machst du Inhalte für Minderheiten zugänglich, holst du auch alle Menschen dazwischen ab.

 

 

Beispiele, wo wir alle von Barrierefreiheit im Web profitieren

  • Untertitel. Ursprünglich für Menschen mit eingeschränktem Gehör konzipiert. Heute laufen Untertitel überall dort, wo jemand ein Video lieber lautlos mitliest. Ein riesiger Teil der Social-Media-Videos wird komplett ohne Ton geschaut. Untertitel sind heute vor allem Reichweitengewinn. 
  • Kontrast. Für Menschen mit Sehbeeinträchtigung essenziell. Aber eben genauso für dich nützlich, zum Beispiel wenn die Sonne aufs Display scheint. Oder wenn der Monitor nicht mehr der neuste ist. Vielleicht sind auch einfach deine Augen schon müde. Guter Kontrast hilft, Dinge klarer zu erkennen.
  • Tastaturbedienung. Manche Menschen bedienen eine Website nur mit der Tastatur, ganz ohne Maus. Wer das mitdenkt, hilft aber auch allen anderen. Zum Beispiel den Power-User:innen, die mit Tab im Sekundentakt durch Formulare flitzen. Oder dir, wenn mal die Maus oder das Trackpad streikt. Damit das reibungslos funktioniert, muss die Reihenfolge der Tab-Sprünge logisch sein. Und es darf keine Tab-Fallen geben.
  • Einfache Sprache. Dinge müssen nicht kompliziert gesagt werden, damit sie gut klingen. Sag sie lieber einfach und klar. Damit erreichst du auch Nicht-Muttersprachler:innen, gestresste oder kognitiv beeinträchtigte Leser:innen. Oder schlicht jede Person, die eine Seite bloss überfliegt, statt sie Wort für Wort zu lesen (also eigentlich fast alle). 

 

 

Für alle statt für wenige

Sehen wir uns all diese Beispiele an, wird zunehmend klar: Barrierefreiheit ist nicht nur für Einzelfälle. Sie ist für uns alle. Ist sie da, schafft sie es, dass alle Menschen sich dazugehörig fühlen. Barrierefreiheit ist Teil der Inklusion. Und damit gesellschaftlich ein brandaktuelles Thema. 

Barrierefreie digitale Inhalte werden darum immer wichtiger. Weltweit werden die Vorschriften für digitale Inhalte immer strenger. Und auch in der Schweiz wird gerade das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) revidiert. Verbindliche Regeln kommen also bald auch hier.

 

 

Was Barrierefreiheit im Web deinem Unternehmen bringt

Mal davon abgesehen ist Barrierefreiheit für dein Unternehmen durchaus lukrativ. Nennen wir mal 5 Gründe, die deine Investition tragen:

 

  1. Mehr Reichweite

    Rund ein Fünftel der Schweizer Wohnbevölkerung lebt mit einer Behinderung. Tendenz steigend, da die Menschen immer älter werden. Dazu kommen alle Menschen, die situativ von Barrierefreiheit profitieren. Wer seine digitalen Angebote zugänglich macht, holt einen wesentlichen Marktanteil an Bord. Und Reichweite nimmt man gern mit, oder?
     

  2. Starke Marke

    Zugänglichkeit signalisiert Werte wie: Qualität, Sorgfalt und eine inklusive Haltung. Wo Barrierefreiheit noch kaum jemand konsequent umsetzt, wird die Barrierefreiheit auch zum Differenzierungsmerkmal. Wer es ernst meint, hebt sich ab und schafft sich einen guten Ruf.
     

  3. Tiefere Kosten bei früher Planung

    Von Anfang an mitgedacht, kostet Barrierefreiheit kaum extra (sie ist einfach Teil des sauberen Aufbaus). Teuer wird erst das Nachrüsten (bis zu 10% der ursprünglichen Projektkosten). Wer also barrierefreie Strukturen im fertigen Produkt noch nachflicken muss, zahlt drauf. Von Anfang an mitdenken ist darum immer günstiger als reparieren.
     

  4. Bessere SEO

    Nicht nur Screenreader, sondern auch Suchmaschinen lieben eine saubere Datenstruktur. Google und KI Crawler lieben eine logische Überschrift-Hierarchien, alt-Texte und eine gute Usability. Barrierefreiheit und Auffindbarkeit ziehen darum am selben Strang. In Barrierefreiheit investiertes Geld lohnt sich also doppelt.
     

  5. Vorsprung vor der Regulierung

    In der Schweiz ist digitale Barrierefreiheit für private Unternehmen aktuell noch freiwillig. Doch das BehiG wird gerade revidiert. Die neuen Pflichten gelten frühestens ab 1. Januar 2027. Anders sieht es im EU-Markt aus: Dort gilt seit Juni 2025 der European Accessibility Act (EAA). Bist du also in der EU tätig, musst du jetzt schon barrierefrei sein. Wer früh handelt, erfüllt diese Pflicht schon und schaut der Schweizer Regulierung entspannt entgegen.

 

 

Gutes Design will dasselbe wie Barrierefreiheit 

Barrierefreiheit beginnt als Rücksicht auf wenige und endet als bessere Lösung für alle. Wer sie als Qualitätsmerkmal versteht, plant und baut Produkte, die mehr Menschen erreichen, besser ranken und länger halten. Gutes Design und Barrierefreiheit wollen im Grunde dasselbe. Sie wollen, dass deine Inhalte ankommen, bei möglichst vielen, möglichst mühelos. Der Rest ist eine Frage der Haltung.

 

 

Barrierefrei werden?

Wir denken Barrierefreiheit von Anfang an mit.

 

Noëmi fragen

 

 

FAQ

Müssen Schweizer Unternehmen ihre Website barrierefrei machen?

Für private Unternehmen gilt in der Schweiz noch Freiwilligkeit. Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) wird gerade revidiert (mehr dazu in diesem Artikel von Zugang für alle). Die neuen Pflichten gelten frühestens ab 1. Januar 2027. Anders im EU-Markt: Dort gilt seit Juni 2025 der European Accessibility Act (EAA). Bist du in der EU tätig, musst du also schon jetzt barrierefrei sein.

Und die öffentlichen Stellen? Sie richten sich meist nach dem Accessibility Standard eCH-0059. Dieser baut auf den weltweiten Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) auf.

 

Kostet eine barrierefreie Website mehr?

Kaum, wenn du sie von Anfang an mitdenkst. Dann ist Barrierefreiheit Teil des normalen Handwerks und läuft einfach mit. Teuer wird es erst, wenn du sie einem fertigen Produkt nachträglich aufzwingst. Wenn du zum Beispiel barriere Strukturen, Kontraste oder Bedienlogik aufwändig nachflicken musst. Heisst: Früh mitgedacht ist günstiger. Spät nachgerüstet kann teuer werden. 

 

Hilft Barrierefreiheit beim Google-Ranking?

Ja, durchaus. Aber indirekt. Viele Massnahmen für Zugänglichkeit sind gleichzeitig SEO-Massnahmen. Barrierefreiheit und Auffindbarkeit verstärken sich also gegenseitig.